WARNUNG: Hier kommt VIEL Text in offener Sprache! Wer davon Panikattacken bekommt, liest lieber nicht weiter. Ich persönlich mag äußerst detaillierte Erfahrungsberichte, ist aber halt nicht jedermanns Sache.
In aller Herrgottsfrühe gurkte ich gen Krähenfeld, weil dort ein kleiner Nine auf Abholung durch den freundlichsten und kompetentesten Menschen der Welt wartete. Leider schnappte ich ihn vorher weg.
Ich enterte die heilige Halle in Krefeld – und wurde gleich zünftig begrüßt: Türkische Musik in Discolautstärke wummerte durch die Halle und stellte auch gleich klar, wer hier den Ton angibt. Da war ich schon jetzt sicher, dass mich ausgezeichnete Handwerkskunst mit Liebe zum Detail erwartete.
Eine freundliche Frau, die meine Sprache sprach, nahm sich meiner an händigte mir ein Paket aus, auf dem draußen Nine drauf- und innen Nine drinstand. Zusätzlich bekam ich noch einen unauffälligen braunen Umschlag mit geheimem Inhalt dazu. Ihr kommt bestimmt nicht drauf, was da drin war.
Das Paket passte mit Ach und Krach und später zwei Tage Muskelkater und LWS-Probleme in meine Rennsemmel. Ab nach Hause, lass die Hüllen fallen, Ninechen!
Ausgepackt – Lieferumfang
- Nine (wer hätte das gedacht)
Der Nine wird fertig montiert geliefert und muss erst noch selbst montiert und an allen Ecken und Enden korrigiert und repariert werden. Weiterlesen, dann wird’s klar. - Netzteil mit Netzkabel (Achterstecker)
Ein üblicher Netzteilquader aus feinstem Chinesium, mir unbekannter Hersteller. Ich hätte gerne „Meanwell“ auf dem Netzteil gelesen – aber ich kanns ja selbst draufschreiben.
Für die Korinthenauskehrer: Der Achterstecker ist eigentlich ein Kleingerätestecker und heißt eigentlich Kleingerätekupplung. Zufrieden?
- Werkzeugtäschchen mit Multiwerkzeug, zusätzlicher großer Sechskantschlüssel, der auf nix passt
Hat mir wirklich gut gefallen, dass ein Fahrradmultiwerkzeug beiliegt. Billig natürlich, aber ganz nett ausgestattet: Sechskantschlüssel 2, 2,5, 3, 4, 5 und 6 mm, dazu Sechskantnüsse 8, 9 und 10 mm mit integriertem Stift zum Draufstecken, obendrein noch Sechskant-Flachschlüssel 8, 10 und 15 mm sowie 14-GE-Aussparung für Fahrradspeichen. Ja, ich sage „privat“ auch lieber „Inbus“ statt „Sechskant“. - Luftpumpenadapterverlängerungsgedönsschlauch, mit Rückschlagventil (gut!)
Endlich mal! Ihr kennt das mit den üblichen Verlängerungsschläuchen, ohne die man mit der Luftpumpe nicht ans Ventil rankommt? Und bei denen man gefühlt das Doppelte an Luft in den Reifen knechten muss, weil beim Abschrauben wieder die Hälfte rausgeblasen wird? Endlich ist jemand auf die Idee gekommen, einen Verlängerungsschlauch mit einfachem Rückschlagventil beizulegen. Halleluja! - Zwei NFC-Tags, eins rund, eins eckig
Zwei glänzende dunkle NFC-Plaketten mit IO-Hawk-Aufdruck, die mit Gummibändern am Lenker baumeln und im Fahrtwind überall gegenkloppen. Man weiß nicht so recht, wohin mit den Dingern, weil man die blöde NFC-Abfrage zum Starten nicht abschalten kann. Wenn man die am Lenker lässt, kann jeder mit dem eScooter abhauen. Wenn nicht, hat man ein Klappergedöns mehr am Schlüsselbund oder nimmt es separat zum Verlieren mit.
VORSICHT: Jetzt kommt viel Gezeter über die Anleitung. Nur lesen, wenn euch das wirklich interessiert! Färbe ich extra grau, damit klar wird, dass mans auch getrost überspringen kann.
- Gebundener Papierstapel, nur zum Feuermachen und Paketausstopfen („Handbuch“)
Hier könnte ich IM STRAHL KO…, aus der Haut fahren, Chuck Norris auf IO Hawk hetzen und allerübelste Schimpfwörter verwenden, die jeden Seemann vor Scham im Erdboden versinken ließen! Echt jetzt!
Okay, wer braucht schon Anleitungen? WIR natürlich nicht, wir sind ja schließlich Experten für alles. Aber Andere halt nicht. Die „Anleitung“ ist für eins gut: als Beispiel für die Bildungskrise unseres Landes. Oder halt zum Feuermachen oder Paketauspolstern. Das wars. Didaktische Sequenzierung (lasst mich auch mal auf die Fachbrause hauen) vollkommen daneben, sprich: alles kreuz und quer, nicht logisch von Auspacken über Montieren (und stundenlange Fehlerkorrektur!), erste Fahrt bis zu Spezialeinstellungen und Fehlerkorrektur in Reihe.
Dazu teils erbärmliches Deutsch, manchmal unfreiwillig komisch: „Der IO Hawk Nine ist für die Benutzung von einer Person konzipiert.“ – VON einer Person? Der eScooter benutzt also eine Person? So ein Miststück! Zum Glück aber: „Die Benutzung von mehreren Personen gleichzeitig ist untersagt.“ Wenn also mehrere Leute gleichzeitig damit fahren, darf der Nine sie nicht benutzen. Uff … Also immer mindestens zu zweit fahren!
Oder („Technische Spezifikationen“): „Gefaltet: 122x23x49cm“ – den will ich sehen, der das Metall des Nine falten kann und nicht Chuck Norris heißt. Papier wird gefaltet, der Nine wird geklappt. Außerdem: Was soll dieses „HundertzweiundzwanzigIksDreiundzwanzigIksNeunundvierzigZehEm“? „122 × 23 × 49 cm“ sieht doch gleich viel besser aus.
Zahllose Deppenleerzeichen (z. B. „Batterie Entsorgung“, also eine Batterie, die „Entsorgung“ heißt, so wie z. B. „Feinkost Aldi“).
Mittendrin Schweizerdeutsch (z. B. „Füssen“ – hier sind die Füße gemeint, die man NUR in der Schweiz mit „ss“ schreibt).
Technischer Blödsinn, z. B. „Batterie: 15Ah“ (ist ein Akku, außerdem schreibt man „15 Ah“, nicht alles zusammengeklatscht), gleich danach „Ladegerät & Ladezeit: 2Ah, ca. 6 Std.“ HÄ? – Wir nehmen den wissenschaftlichen Taschenrechner zu Hilfe und kalkulieren die hochgradig komplexe Formel: 2 mal 6 = 12. Nicht 15. Sechs Stunden Laden bei 2 Ampere ergibt im Idealfall 12 Amperestunden Saft im Tank, in der Realität deutlich weniger. Und IO Hawk erzählt uns, dass 2 mal 6 halt 15 ergibt. Da muss man tolerant sein: „6 mal 2“ ist ja auch schon eher was für Mathematikprofessoren und Großrechner.
Oder (unter „Akkupflege“): „Wir verbauen 18650 Zellen …“ WAS? In dem Akkupack sollen 18.650 Zellen stecken, fast 19.000 Stück? Das nenne ich eine reine Lüge! Oder wollte man mir hier sagen, dass man Zellen vom Typ 18650, also 18650-Zellen, verbaut hat? Ja? Warum sagt mans dann nicht? – Antwort: Weil man einen Analphabeten (wie trennt man dieses Wort eigentlich nach der zweiten Silbe?) ohne störende eScooter-Kenntnisse die Anleitung laienhaft hat übersetzen lassen.
Ich höre jetzt auf mit dem Gemetzel, reite eh nur so drauf rum, weil eine dermaßen schlampige und nutzlose Anleitung ein verdammt schlechtes Licht auf ein Unternehmen wirft: Wenn schon bei solchen Dingen geschlampt wird – wie sieht es dann erst bei anderen Dingen aus, zum Beispiel bei Montage und Endkontrolle? – Dazu gleich eklig mehr.
Aber einen hab ich noch, Seite 27: „FEHLERCODE 08: DROSSELKLAPPE“. Hahahahaaaa! Drosselklappe! Das ist ein Teil eines Ottomotors, also eines Benziners. Der Rohrkrepierer von Übersetzer hat nicht einmal gepeilt, dass „Throttle“ bei einem eScooter der Gashebel ist. Wusste vermutlich nicht mal, was ein eScooter ist.
Herr, lass Hirn …
Schluss jetzt mit dem meilenlangen Gezeter; weiter!
Ausgepackt – Erster Eindruck
ERBÄRMLICH!Ich ahnte ja schon, dass mich ausgezeichnete Handwerkskunst mit Liebe zum Detail erwartete. Warum muss sich eigentlich so gut wie jedes Vorurteil als real entpuppen?
Die Klingel war unten am Lenker. Nicht, weil das jetzt in Mode ist, sondern weil die Schrauben lose herumschlackerten. Klingel altmodisch-traditionell nach oben gedreht, Schrauben angezogen. Gashebel am Display angeschaut, „steht mir zu steil hoch“ gedacht, probeweise Hebel gezogen – KLONK – schon knallte das Display bis auf die Bremse runter, stand jetzt nicht mehr hoch, sondern war sofort sportlich tiefergelegt. Schrauben nicht angezogen, schon wieder.
Ich probiere die Blinker aus. Schalter nach links, Lenkerende blinkt gelb, fein. Blinkts auch hinten? Ich schaue nach, es blinkt, extrem hell sogar. Jetzt rechts! Äh … Wo ist der Schalter hin? Ah, zeigt jetzt mit dem Blinkschalter und dem Lichtschalter zum Staub, aus dem wir kommen und zu dem wir werden, also zum Boden. Wie das??? Der schlaue Leser wird es sich schon messerscharf und voller absolut unbegründeter Vorurteile gedacht haben: Schrauben nicht angezogen. Genau. Überraschung!
Genauso freudig war ich über die allesamt lockeren Halteschrauben der vorderen Schwingen erregt; nur ohne freudig, weil es bestimmt superlustig ist, wenn einem das eigenen Vorderrad abhaut und man sich mit der Grazie einer sterbenden Kuh auf die Schnauze legt.
Ich weiß nicht mehr, was ich sonst noch alles an Schrauben nachgezogen habe, es war nicht wenig. Nur an Bremsen und Federung bin ich nicht rangegangen, weil ich dachte, dass man bei diesen Dingen ganz automatisch mit einer gewissen Sorgfalt vorgeht. Dachte? Denkste!
Ich bocke den Nine-Kameraden auf eines der Hartschaumblöcke (ja, Styropor®) aus dem Karton, damit die Räder auch in meinem Zock- und VR-Zimmer (alles andere war schon zugemüllt) zwanglos drehen können. Erst vorne! KRRRRRCHHHHHHIIIIIEEEEEEP! Oh! Rad hängt fest, Bremse schleift! Aber sowas von! Aber da habe ich Verständnis, das Kreischen konnte man in der Halle ja unmöglich hören, wegen der fernländischen Volksmusik in Boah-ey-Lautstärke. Da muss man tolerant sein.
Und die Bremse halt neu einstellen. Zwei Schrauben gelöst, die erstaunlicherweise extrem angeknallt waren, Bremssattel zurechtgerückt, Rad dreht frei, keine Zerspanungsgeräusche mehr. Hätte man auch beim Hersteller/Verkäufer machen können, ne, wenn … Aber lassen wir das. Kümmern wir uns lieber ums Hinterrad. Mal sehen, mal drehen … CHHHHHHHHHHHHIEEEEEEEEEERK! Oh! Dreht nicht, kreischt nur. Überraschung! Da hätte jetzt keiner mit gerechnet, ne? Muss bestimmt so sein, ich hab nur keine Ahnung. Und trotzdem stelle ich den Bremssattel jetzt so ein, wie ich mir das als erzkonservativer und intoleranter Mensch vorstelle: nämlich so, dass sich das Rad frei drehen kann. Schande über mich.
Ich nehme noch ein paar kleine Korrekturen an der Elektrik zum Betrieb auf meinem Privatgelände vor, auf die ich hier nicht weiter eingehen möchte. Nur am Rande: Der Platz zwischen Akku und Chassis reicht bei der Single-Motor-Version gerade eben zum Einbau von z. B. Spannungswandler und Relais aus, wenn man sich fürs Relais ein 0,8 mm „starkes“ Gehäuse druckt. Das bei der üblichen Relaisvariante mitgelieferte Gehäuse ist zu groß.
Das Trittbrett besteht übrigens aus relativ dünnem Plastik; sehr schwere Menschen stehen dadurch im Grunde direkt auf dem Akkupack, was mir ein etwas unangenehmes Gefühl beschert. Da tritt man halt pure Energie mit Füßen.
Nach dem Rumgemoser jetzt noch etwas Praxistaugliches: Der Nine ist – wenn man sich an den Anblick von Leihscootern und der „Xiaomi/Ninebot-Holzklasse“ gewöhnt hat – ziemlich wuchtig. Das sieht man in keinem Video, auf keinem Foto; aber real ist der Kamerad schon ein kleiner Brecher. Eben im Vergleich mit den wirklich Kleinen. Richtig montiert (!!!) wirkt er auch reichlich stabil und robust, ist etwas auffälliger als die Kleinen, aber wirkt nicht so penetrant-prollpeinlich wie der kommende Trittbrett-Erguss H., bei dem vermutlich brennende Mülltonnen gleich mitgeliefert werden. Nö, mit dem Nine kann man sich sehen lassen – ich wurde nicht einmal schief angesehen, als ich mich mit dem Gerät nach Anblick eines Motorradpolizisten erstaunlich langsam einem kleinen Stand bei Haldern Pop näherte; und von den dortigen Zeugen Jehovas mit durchweg freundlichen und interessierten Blicken bedacht wurde. Das macht es amtlich.
Erste Probefahrt mit Abbruch wegen Ohrenschutz
Wie sich das wohl anfühlt, so ein eScooter mit Federung? Bisher kenne ich ja nur meinen Xiaomi 2 Pro, der schon so einiges mitmachen musste.Ich zuckele vorsichtig los, gesetzeskonform, versteht sich. Das heißt, ich will gesetzeskonform loszuckeln, der Nine zuckelt aber nicht nach dem Anschubsen. Hä? Haben die Eiofalken mir jetzt einen echten Tretroller mit reinem Fußantrieb verscherbelt? Nochmal. Rennt nicht. Nochmal mit mehr Gewalt! BRUMM! Ah, geht doch! Ach, der braucht mindestens 5 km/h als Anschub, keine 3, wie mans so gewohnt ist. Kann man das umstellen? Blick ins „Handbuch“, „P-EINSTEL.“ ohne Lungen, P09 (cool, so hieß meine Station in der psychiatrischen Klinik in Essen): „0 bedeutet Kickstart. 1 bedeutet kein Kickstart. Voreinstellung 0.“ Drei Aussagen, drei Fehler. 1 ist Kickstart, 0 nicht, Voreinstellung ist 1. Was hatte ich auch erwartet? Dass das „Handbuch“ auch nur einmal stimmt? Träum weiter …
Der Nine marschiert. Doch, kann und muss man so sagen. Man spürt, dass der Kamerad ziemlich viel Kraft hat (wenn man von einem 2 Pro mit 350-Watt-Motor kommt). Und man spürt leider auch, dass er untenrum, also im unteren Tempo- und Drehzahlbereich sehr verhalten zu Werke geht. Nix Wheelie, nix Rad durchdrehen lassen, die Leistung wird im unteren Bereich nur sehr behutsam verteilt, auch wenn man die „Anfahrdynamik“ P12 auf 5, also volle Pulle stellt. Da bin ich vom SHFW-gestählten 2 Pro deutlich mehr Ruppigkeit gewohnt, da lässt der Reifen Gummi auf der Fahrbahn. Bei 15 bis 20 merkt man, dass der Nine plötzlich aus dem Quark kommen will – und dann mit dem D-ummlandwürgegriff bei 20 km/h kollidiert. Man merkt sowas von deutlich, dass er loslegen will – und nicht darf; kurz blitzt die 23 auf, danach bleibts bei 22; immerhin. Sobald es schneller zu werden droht, bremst der Motor, was man leider auch immer wieder als merkliches Ruckeln mitbekommt.
„Befreit“, also der 20-km/h-Diskriminierung beraubt, geht es obenrum ganz anders zu Werke, was ich selbstverständlich auf einem Privatgrundstück mit dem Nine eines Freundes von einem Freund ausprobiert habe. „Untenrum“ bleibt es gleich, der Nine liefert hier selbst bei Bruce-Willis-P12-Einstellung 5 eher gemächliche Beschleunigung. Kurz nach 15 zieht er aber merklich an, wenn man ab hier Gas wegnimmt und wieder hart beschleunigt, muss man sich wirklich schon am Lenker festhalten, wenn man nicht unfreiwillig absteigen möchte. Er zieht auf Stufe 1 bis etwa 20 durch, auf Stufe 2 auf eine gute Dauerreisegeschwindigkeit von 33, in Stufe 3 auf 45 km/h. Alles auf gerader, ebener Strecke bei einer Zuladung (ich) von über 90 kg, auch bei nicht randvollem Akku. 41 km/h erreicht er immer und spielend, auch bei Gegenwind und leichtem Anstieg. Kann sich sehen lassen, nur nicht aus silberblauen Autos.
Allerdings versagt er an Steigungen, die ich mit dem 2 Pro noch aus dem Stand schaffe. Nicht, wenn man mit ein bisschen Tempo ankommt, dann marschiert er ohne nennenswerte Verluste durch. Aber Anfahren am Berg ist überhaupt nicht seine Sache: Dann quält er sich mit zu geiziger Leistung ein bisschen nach oben, schaltet aber ab, wenn etwa 6 km/h unterschritten werden.
Da wäre eine Firmware-Optimierung angesagt – mehr Drehmoment im unteren Drehzahlbereich, wenn man es wirklich ernst meint. Meiner Einschätzung nach kann der Nine das durchaus; die Firmware ist aber recht konservativ eingestellt, vielleicht, um Überhitzung vorzubeugen, vielleicht aus kaufmännischen Gründen. Dazu später auch noch etwas.
Interessant: 45 km/h schafft der Bursche mit mehr als 90 Kilo Zuladung. Das ist schon was. Und entspricht seltsamerweise genau der Herstellerangabe zum VSETT 9 (das ist der Nine ja) mit 650-W-Motor. 650, nicht 500. Aber da wollen wir gar nicht weiter drüber nachdenken, sondern nur still und zufrieden grinsen, ne?
Und wie fährt er sich nun? Tja, meine erste Probefahrt währte nicht lange, vielleicht 3 Kilometerchen über die Felder und auf dem Radweg neben der Straße wieder zurück. Auf den asphaltierten Feldwegen war ich nicht besonders begeistert. Ja, schon ein bisschen besser als der ungefederte 2 Pro, aber dennoch unbequem und hart. Und irgendwas klingelt da bei jeder Bodenwelle, bei jeder Unebenheit. Plingg! Palingg! Und da schepperklirrt auch was. Hmm, seltsam. Dasselbe auf dem Radweg, immer wieder Plingg! und Schrnk!, nervt schon irgendwie. Dann das Waterloo, die fein säuberlich gepflasterte 30-km/h-Straße kurz vor meiner Hütte. RATTATTAPLINGGGSCHRAPPKLINGRRRRKLIMPERDINGDONGDANGRASSEL!
Ahhhh! Höllischer Lärm! Wenn jetzt 5 Leute auf dem Bürgersteig wären, würden mich 15 entgeistert anglotzen! Der braucht keine Klingel, der braucht keine Hupe, der braucht kein Nebelhorn! Das Klingelrasselgeratter stellt alles in den Schatten! Herrje! Wobei der Herr Jesus ja nun wirklich nix dafür kann.
„Einmal rund ummen Häuserblock, danach wird die Karre aufgebockt!“ (Tote Hosen)
Ich rufe bei IO Hawk an, schildere das Geratter. Man bietet mir an, einen Austauschnine zu schicken. Ich gebe zu bedenken, dass ich bei der erlebten Kompetenz der IO-Hawk-Mitarbeiter damit rechne, dass der nächste Nine genau dasselbe Spektakel macht, das Problem beim VSETT 9 außerdem schon lange im Internet diskutiert wird (hatte extra zuvor online nach einer Lösung geschaut). Wir einigten uns darauf, dass ich unter Einsatz meines Lebens ein Video vom Geratter aufnahm, den Link zum Krähenfeld schickte und der Dinge harrte, die da kämen. Kamen nicht; jedenfalls bis jetzt nicht.
Problemlösung: Klingeln
Aber mir kam was, nämlich eine Idee. Das Klingeln klang wie Klingeln, und zwar so, als käme es von der Bremsscheibe. Kennt jeder, der einen eScooter mit offenen Scheibenbremsen schon mal über eine Schotterpiste geprügelt hat – anfangs meint man, hinter einem würde ein Radfahrer wie blöde klingeln, dabei sind es kleine Steinchen, die todesmutig gegen die Bremsscheibe hüpfen.Also die Bremse nochmals in Augenschein genommen; sah alles soweit korrekt aus, ich hatte ja zuvor schon kräftig nachstellen müssen. Dann die Idee: Was wäre, wenn die Bremsbeläge bei Erschütterungen gegen die Scheibe dengelten? Bremssattel runter, Beläge raus, draufgeschaut, reingeschaut, alles soweit gut. Hmm … Beläge wieder rein, mal dran gewackelt – und siehe da: der Belag auf der unbeweglichen Seite des Sattels saß nicht fest, kippelte. Ursache: Einstellschraube zum Nachstellen bei abgefahrenen Belägen bis zum Anschlag reingedreht. So weit, dass der Magnet den Belag nicht mehr richtig halten konnte. War da nicht schon mal was mit falsch oder gar nicht angezogenen Schrauben? Hatte ich nicht schon beim Abholen so eine Ahnung? Reden wir nicht weiter drüber.
Einstellschraube rausgedreht, Beläge rein, Bremssattel wieder drauf, Bremse neu eingestellt, Probefahrt. Ergebnis: Klingeln weg, aber Rattern noch da. Kruzit…fix! Bei der Probefahrt wie ein Gummimann verrenkt, um der Ratterquelle per Ohrpeilung auf die Schliche zu kommen,
Problemlösung: Rattern – oder: Der Friseusenscooter
Das Rattern kam irgendwo von unten vorne, aber nicht ganz so unten. Was haben wir an der Position Nichtganzsounten? Die Verriegelung des Klappmechanismus; und den Metallstift, der die kleine Arretierungsschraube hält. Und der hat etwas Spiel. Und was passiert, wenn Kinder spielen? Genau, es gibt Krach, muss auch so sein. Nicht aber beim Nine. Da müsste man jetzt dickes Fett draufschmieren, damit Ruhe einkehrt. Da ich kein fettes Fett zur Hand hatte, nahm ich halt Haargel – das Gute von dm. Seitdem ist Ruhe – und mein Nine heißt jetzt Friseusenscooter.Kurze Probefahrt 2 – und wieder bewahrheiten sich die bösen, bösen Vorurteile
Klingeln weg, Rattern weg, herrlich! Gleich wieder auf die gepflasterte Teststraße. RRRRRRR – der Nine holpert über das Pflaster. Nicht gar so schlimm wie mein 2 Pro, nicht im allermindesten so schlimm wie mein 2 Pro mit Vollgummireifen (DAS GRAUEN) – aber immer noch springt das Bild meiner Augen beim Drüberrauschen, so sehr spielt der Nine den Vibrator. War da nicht was mit Federung? Konnte man da nicht noch was einstellen? – Also wieder ab nachhause …Federung vorne, an die Sechkantzylinderschraube kommt man problemlos ran. Leider ist Rankommen nicht alles, eine Schraube muss auch Politikerqualitäten haben, sich also schnell um mindestens 180 Grad drehen lassen. Keine Chance bei den Federungseinstellschrauben des Nine. Irgendein Vollpfosten hat die nämlich mit der Brachialgewalt des Dummkopfes am Anschlag festgeknallt. So fest, dass ich die mit meinem Bitschraubenzieher (jaa, „-dreher“) nicht gelöst bekomme – und ich bin nicht schwächlich. Erst der blaue Bosch-Akkuschrauber auf Brutaleinstellung im Pulsbetrieb konnte die Situation auflockern, endlich ließ sich auch was drehen. Anderthalb Umdrehungen zurück, mal probieren, ob das was bringt.
Dasselbe dumme Spiel an der hinteren Federung, bei der man auch noch die Mittelplatte der Fußstütze durch Lösen von drei Schrauben herausnehmen muss, um an die Einstellschraube zu kommen. Alu, die Gewinde sind im Nullkommanix im A…, wenn man einen Akkuschrauber benutzt und/oder nicht ganz, ganz vorsichtig schraubt. Und natürlich auch hier: Schraube bis zum Anschlag mit Gewalt angeknallt. Mittlerweile wittert man da Methode, ne? Alles, was angezogen sein muss, war locker – und was locker sein musste, wurde mit aller Gewalt angeknallt.
Federeinstellschraube anderthalb Umdrehungen zurückgedreht, Mittelplatte voller Optimismus wieder angeschraubt, Scheißregen abgewartet, wieder ab auf die Piste.
Probefahrt 3 – die Sonne geht auf, Engel singen. ENDLICH!
Ich gurke los, der Nine schnurrt. Der schnurrt wirklich, der Motor gibt nicht das häufige hochfrequente eScooter-Getschirpe von sich, sondern brummt eher tief – das klingt angenehm, stört nicht, bei konstant 15 bis 25 km/h hört man den Nine so gut wie gar nicht. Beim Beschleunigen klingt es manchmal, als setzte hinter einem ein Zweirad zum Überholen an; ich schaute mich etliche Male um, aber da war nix – es ist die Kombination aus Motor- und Abrollgeräusch der recht profilanten Reifen.Der Nine zieht gut durch, fühlt sich jetzt auch endlich gut auf der Straße an: Jede Unebenheit wird weggesteckt, bei größeren Unebenheiten allerdings mit einem kurzen KLOCK begleitet, beim AUSfedern, nicht beim Einfedern – da schlägt also nichts durch. Ich bin rund 100 Kilometer gefahren, dabei konnte ich nur bei zwei Gelegenheiten kurz ein Aufschwingen (Hoppeln) beobachten; so verkehrt kann meine Anderthalbdrehungen-Rateeinstellung also nicht sein – aber da nehme ich gerne kundigen Rat an.
Der Nine fährt sich – wenn man ihn langatmig von Inkompetenz/Desinteresse seitens Hersteller-/Importeurpersonal befreit hat – richtig gut. Selbst bei 45 km/h genießt man ein recht sicheres Fahrgefühl; deutlich sicherer als bei 30 mit einem ungefederten eScooter. Der Nine zieht gut, wenn auch nicht in den unteren Drehzahlregionen. Das ist vielleicht Absicht, weil man a) Überhitzung vorbeugen und/oder b) dem Dual-Motor-Modell wenigstens bei den Kletterfähigkeiten einen Vorteil und somit Kaufgrund verschaffen möchte.
Ich bin über glatten Asphalt, Schlaglochpisten, Schotterwege, Stock und Stein, Waldboden, Wiesen, Wurzeln, Schlamm gebrettert – alles dabei. Aber der Nine schafft nicht alles. Sobald es etwas rutschig wird, ist absolute Vorsicht angezeigt, weil der Heckantrieb trotz verhaltenem Anzug für lustige Rutschpartien sorgt. Bei Wiesen und Wurzeln (alles schön nass und flutschig) rutschte mir etliche Male der Ninearsch weg, da hätte ich mir einen biederen Frontantrieb gewünscht, der auf solchem Untergrund einfach sicherer ist, weil einem nicht das Heck wegfliegt. Bei Asphalt, Schlagloch- und Schotterpisten ist der Nine im Vergleich zum z. B. Xiaomi 2 Pro eine ganz andere Welt – viel kraftvoller, durchzugsstärker, flotter und sicherer, kein Gerappel (NACH „Kur“) und Gehüpfe, keine durch Extremvibration zu Staub zerfallene Zähne. Bei Schlamm (war kurz bei Haldern Pop, Junge, was für eine Wacken-würdige Schlammhölle) habe ich nach den ersten Versuchen geschoben, weil ich mich garantiert so dermaßen auf den Bart gelegt hätte, dass man den Aufprall bis nach Krefeld gehört und sich diebisch gefreut hätte. Allerdings wäre hier auch bei einem Fronttriebler Schiebung angesagt. Und, wie gesagt, mit dem Anfahren am Berg hats der Nine auch nicht so, da regelt der Controller den Strom nach unten, daher gehts nicht aus dem Stand nach oben.
Bremsen – rekuperiert der nun oder nicht?
Schon doll, was? Vor dem eScooter-Kauf kannte bestimmt kein Mensch das Wort „Rekuperation“, ne?Ich las auch oft, dass die VSETTs (also die hierzulandigen IO Hawks) keine elektronische Bremse hätten, da regten sich schon Hinz und Kunz drüber auf.
Lieber Hinz, lieber Kunz: Ihr habt euch geirrt, der Nine rekuperiert. Aber nur, wenn man das so will. Der selten dämlich mit „Wahl des EABS-Schalters“ beschriebene Parameter P11 ist der Zauberparameter: 0 = nix Rekuperation. Dann kann man von 1 bis 5 einstellen, wie ruppig die Elektromotorbremse zupacken soll; über 3 würde ich nicht gehen, weil a) die Verzögerung schon recht kräftig ist, b) harte Spannungsspitzen weder BMS noch Akku besonders gut abkönnen. Wenn ihr die Elektrobremse nutzen wollt, stellt die Scheibenbremsen so ein, dass die erst nach etwa einem Drittel oder der Hälfte des Bremshebelweges packen – dann könnt ihr durch leichtes Bremsen rein elektrisch und ohne Bremsenverschleiß verzögern (und den Akku lächerlich wenig nachladen), durch beherztes Zupacken dann aber die Scheibenbremsen zum flotten Anhalten mit ins Boot holen.
Die Scheibenbremsen machen irgendwie einen leicht primitiven Eindruck, funktionieren aber trotzdem. Beim Einstellen darauf achten, dass die Scheibe möglichst nah am unbeweglichen Bremsbelag zu liegen kommt, dann müsst ihr keine Verformungen der Scheibe befürchten.
In Sachen Hitze …
Ich bin eine gute halbe Stunde mit konstant 33 km/h gefahren, der Motor wurde dabei nur handwarm – das kann man also guten Gewissens auch längere Zeit als Reisegeschwindigkeit durchziehen. Anders sieht es bei Gemischtbetrieb aus: Steigungen, Vollgas, Wiese, Wald. Da sollte man hin und wieder mal zärtlich an den Motor fassen und nachfühlen, ob man schon das typische Spiegelei drauf braten könnte. Bei solch einer Herausforderungskonstellation wird der Motor echt heiß, da ist eine gewisse Vorsicht geboten. Aber das ist wohl bei jedem eScooter so.Reichweite
Der Nine ist ein Marathonläufer. Das heißt jetzt nicht, dass er unglaublich weit kommt, sondern dass er bei mir ziemlich genau 42 Kilometer geschafft hat. Und das im „Gemischtbetrieb“ mit Asphalt, Schotter, Waldboden, Feldwegen und Maximaltempo. Nicht überragend, aber in Ordnung. Wenn man zivil fährt, also mit konstant 20 dahinkriecht, könnte er seine 50 bis 60 Kilometer schaffen. Dummerweise habe ICH es nicht geschafft, mit 20 dahinzukriechen – wenn man einmal die 45 oder auch nur 33 erreicht hat, kommt man sich bei 20 km/h vor, als würde man parken. Da geht dann auch der allerbeste gute Ich-fahr-nur-20-Vorsatz sofort flöten. Ist genau wie beim Konstant-90-Vorsatz auf der Autobahn, wenn ein Trabbi zum Überholen ansetzt.Bis zu etwa 42 Volt Akkuleerlaufspannung bringt der Nine ordentlich Leistung, darunter werden Beschleunigung und Maximaltempo immer weiter reduziert, bei etwas über 40 V ist der Arsch nach Temporeduktion auf 10 km/h dann aber ab. Bei mir bemerkte ich die Reduktion etwa 2 Kilometer von zuhause entfernt; die Restkapazität reichte exakt bis in meine Einfahrt, wobei ich auf den letzten Metern aber inständig hoffte, dass mich bloß keiner sieht, wie ich mit 9 km/h dahinpenne.
Ich bin zufrieden, sowohl mit der Reichweite als auch mit der Art und Weise der schrittweisen Leistungsreduktion mit Bildung kleiner Reserven: Wenn man merkt, dass der Nine langsamer wird, hat man noch Zeit, auf Schleichfahrt umzuschalten und ohne Blasen an den Quanten noch ans Ziel zu kommen, wenns nicht auf der Zugspitze liegt.
Design by Besoffensein – der Ständer
Ja, mit Ständern hat Mann immer Ärger. Mit dem vom Nine auch. Denn der sitzt an der maximal allerdümmsten Stelle, die man sich nur aussuchen konnte: Direkt unter dem Verbindungskabel zum Heckmotor, da gibts nur ein, zwei Zentimeter Platz dazwischen. Bedeutet: Wenn man beim Runtertreten des Ständers nicht GANZ genau hinschaut und GANZ gezielt und vorsichtig zutritt, reißt man das Verbindungskabel raus oder lässt sich den Nine auf die Knochen kippen. Ich will echt nicht wissen, wie besoffen diejenigen waren, die sich das ausdachten.Tempomat – ein Satz mit X
Deutsche Gesetze dürfen bekanntermaßen nur von Leuten entworfen und verabschiedet werden, die nachweislich nicht die allergeringste Ahnung von der Materie haben. Solche Gesetze müssen meist so formuliert werden, dass sie den Schaden mehren und Nutzen verhindern.Deswegen verwundert es auch nicht, dass Tempomaten für eScooter in Deutschland selbstverständlich streng verboten sind.
Tempomat bietet die Vorteile, dass man a) alle Finger und Daumen an Lenker und Bremshebel hat, also optimal lenken und bremsen kann, b) es kein plötzliches Beschleunigen und Abbremsen beim Überfahren von Unebenheiten gibt, wenn einem der Finger oder Daumen vom Gashebel abrutscht.
Ich bin gestern noch im Duett mit einem blonden Gift über die Feldwege gescootert, ich auf dem Nine, sie auf meinem 2 Pro. Und tatsächlich quiekte sie mehrmals auf, als sie bei Bodenwellen kurz mit dem Daumen vom Gashebel rutschte, der Xiaomi erst bockte, dann wieder vorruckte und sie fast abgeworfen hätte. Mit Tempomat wäre das kein Thema gewesen.
Daher will man das in unserem höchstgradig gelobten Land nicht haben.
Leider auch nicht beim Nine, weder in der gesetzestreuen Variante noch in der „befreiten“ – das weiß ich natürlich von einem Freund von einem Freund, der den Umbau gemacht hat, was ich selbstverständlich nie tun würde.
Also: Kein Tempomat beim Nine ohne neue Firmware oder Display-/Controllertausch – keine Ahnung, welche Komponente beim Nine dafür zuständig ist.
Es werde Licht
Naja … Das Rücklicht ist in Ordnung, wird beim Bremsen auch heller, flackert nicht.Der Frontscheinwerfer geht so. Reichweite und Helligkeit sind in Ordnung, die Montagehöhe ist auch gut (hoch genug, dass man weit leuchten kann, ohne den Gegenverkehr zu blenden), Scheinwerfer und Zusatzreflektor sind verstellbar, allerdings ist das Strahlprofil ziemlich übel: Im Grunde wie ein Vorfahrt-achten-Schild, also ein Dreieck mit der Spitze nach unten, allerdings mit einem dunklen Querstreifen in der Mitte. Da ist also ein waagerechtes Lichtloch, das irgendwie stört und nervt. Warum konnte man keinen Scheinwerfer verbauen, der komplett und ohne Lücken nach vorne ausleuchtet?
Dennoch ist das Licht in Ordnung, um Klassen besser als das bei Xiaomi/Ninebot, das man nicht verstellen kann und nur gefühlte 2 mm weit leuchtet.
Das Licht wird übrigens per rastendem Druckschalter neben dem linken Griff und unter dem Blinkerschalter ein- und ausgeschaltet – das ist gut, da man dazu keine Hand vom Lenker nehmen muss.
Blinker
Doch, die wollte ich unbedingt haben. Denn wer eScooter mit 8,5-Zoll-Reifen kennt, der weiß, wie spaßig es ist, die Fahrtrichtungsänderungsabsicht (tolles Wort, ne?) mit den Flossen zu signalisieren, ohne sich gepflegt auf den Bart zu legen. Man muss signalisieren, kann es aber meist nicht, ohne den Sittich zu machen. Darum!Keine Ahnung, warum die Welt so von diesen Kellerkind-Blinkern schwärmt und dafür Unsummen fordert: Das sind einfach gelbe LEDs in einem durchsichtigen Ring am Lenkerende. Da ist rein gar nichts Besonderes dran. Und während einem die Heckblinker mit Supernovahelligkeit die Netzhaut wegbrennen und absolut nicht übersehen werden können (wenn man ein Zwerg ist), leuchten die Lenkerendenblinker eher diskret, dürften bei strahlendem Sonnenschein kaum auffallen.
Aber schön, dass sie alle da sind. Tritratrullala.
Der Schalter lässt sich fein hin und her schieben, nix Besonderes, funktioniert aber gut.
Display
Da könnte ich mal wieder im Strahl ko… Mache ich aber nicht, weil ich kein weibliches Reh auf die Sauerei habe.Das Display ist „so“ nicht schlecht, lässt sich auch bei ordentlich Sonne gut ablesen. Da braucht man auch keine Beleuchtung, die stört eher. Nachts aber stört die Beleuchtung richtig! Die kann man nämlich in drei Stufen einstellen: Viel zu hell, massiv viel zu hell und extrem viel zu hell. Aus gibts nicht. Bei Nacht leuchtet einem das Display wie ein Flakscheinwerfer ins Gesicht, blendet wie Hulle und weibliches Schwein.
Was soll denn der Blödsinn, VSETT/IO Hawk? Den Murks muss man auf Supersparflamme einstellen oder ganz abschalten können, man braucht NIE hohe Helligkeit.
Gut ist der Fingergashebel, der funktioniert tatsächlich besser und entspannter als Daumengas – wenn man Display und Gashebel in den richtigen Winkel bringt. Dazu muss man dummerweise den Bremshebel weiter nach unten drehen – viel Spaß beim Lösen der bis nach Buxtehude angeknallten Arretierschraube.
Nervend: Der Tageskilometerzähler wird bei jedem Ausschalten gelöscht – kurz einkaufen oder 90 Sekunden stehen, schon sind die Kilometer weg. Sowas wie Minustaste zum Löschen zwei Sekunden gedrückt halten wäre gut gewesen, gibts aber nicht.
P-Einstellungen: 17 (Tempomat) fehlt, FEHLT, FEHLT!!! Bei Parameter 12 (Anfahrdynamik, sprich: Wie viel Saft kriege ich auf einmal beim Gashebelziehen zum Spurt aus dem Stand oder Anfahren am Berg?) reicht die Palette von 1 bis 5 – gebraucht wird gefühlt 20.
Wieso kann ich den NFC-Quatsch nicht abschalten? Und wieso nenne ich diese geniale Segnung der Moderne so dreist und hinterwäldnerisch „Quatsch“?
Mich nervt es, ständig ein Chipchen bei mir haben zu müssen, damit mich der Nine mitnimmt. Klar, man kanns am Lenker baumeln lassen, da isses immer zur Hand. Und knallt im Fahrtwind ständig an den Lenker und nervt. Und ist außerdem für jeden Dieb gleich zur Hand. Man kann das Ding auch an den Schlüsselbund machen; mit dem Ergebnis, dass man ständig den Schlüsselbund mitschleppen muss. Oder man nimmts einfach in der Hosentasche zum baldigen Verlieren mit. Habe mir ein paar winzige NFC-Sticker bestellt, drucke mir selbst ein „Gehäuse“ dafür. Aber am liebsten würde ich diesen Blödsinn einfach abschalten. Wieso das? Weil er schlicht nichts nützt. Man kann nämlich auch OHNE vorherige NFC-Freischaltung ein neues NFC-Tag anlernen. Das bedeutet, dass ein Dieb einfach in wenigen Sekunden sein eigenes NFC-Tag anlernt und den Nine dann bequem damit freischaltet. OHNE sich vorher mit dem originalen NFC-Tag legitimieren zu müssen.
Jetzt klar, warum ich das als Quatsch bezeichne?
Die rote LED-Anzeige leuchtet mir auch nicht ein. Da kriege ich die Spannung, die mir das große Display mit der wichtigen Nachkommastelle anzeigt, nochmal ohne die wichtige Nachkommastelle angezeigt. Wofür soll ich diesen doppelt gemoppelten und dabei viel nutzloseren Käse gebrauchen? Getreu Rambo III? „Was ist das?“ – „Rot leuchtende LED-Anzeige.“ – „Was macht die?“ – „Sie leuchtet rot.“ – „Ah, verstehe (NICHT) …“
Und warum finde ich YouTube-Affen, die das ganz toll finden?
Alles in allem
Gutes Gefährt, WENN ES DENN ENDLICH VERNÜNFTIG LÄUFT!Tschuldigung, IO Hawk, vielleicht habe ich ja das berühmte Montagsmodell erwischt, an allen anderen Nines wurde nicht herumgeschlampt; alles möglich. Aber ich fürchte, dass das eher die Regel ist, weil SO VIEL GESCHLAMPT wurde. Entweder schrauben da Leute, die keine Ahnung haben, wegen der Discomucke nix hören können oder denen es einfach scheißegal ist, ob ein völlig verkehrsuntüchtiger eScooter ausgeliefert wird und sich einer die Knochen damit bricht. In jedem Fall solltet ihr mal euren Leuten ein wenig auf die Finger schauen – am besten ohne „sc“ am Anfang. Ich konnte den ganzen Murks selbst korrigieren, habe dafür aber Stunden meines Lebens gebraucht, die ich deutlich besser hätte nutzen können.
Und lasst das „Handbuch“ mal von jemandem übersetzen/verfassen, der a) Englisch kann, b) Deutsch wenigstens in der Grundschule hatte, c) weiß, was ein eScooter ist. Ich würde euch ja meine Dienste anbieten, ich kann das nämlich verdammt gut. Aber ich weiß, welche Emotionen harsche Kritik auslöst – Auftragserteilungsrausch zählt nur höchst selten dazu.
Der Nine fährt gut, bequem und sicher, ist richtig flott und hat Kraft, nur nicht im unteren Drehzahlbereich. FIRMWARE-UPDATE!
Der eScooter selbst besteht aus größtenteils guten und robusten Materialien, sieht auch gefällig aus, die Fertigungsqualität ist aber unter aller Sau, weil ganz offensichtlich Stümper oder eScooter-Hasser im Discotakt die Schraubenzieher schwingen, es keine Endkontrolle gibt oder den Endkontrolleuren alles scheißegal ist.
Das „Handbuch“ ist eine einzige Beleidigung des Intellekts, nutzlos und voller Falschinformationen.
Unterm Strich aber ist der Nine ein feines Gerät, das beim Fahren eine Menge Spaß macht, Sicherheit vermittelt, viel Platz für die Füße bietet und gut aus dem Quark kommt. Ich bereue den Kauf nicht, der Nine löst damit meinen 2 Pro als Alltagsscooter ab. Allerdings finde ich den Klappmechanismus so umständlich (und das Gewicht so rückenunschonend), dass der 2 Pro nach wie vor mein Ebenschnellmitnehmscooter bleibt.
Fazit: Der Nine – ein gutes Kind von schlechten Eltern.